Wenn heute über das Stadtbad Lichtenberg gesprochen wird, stehen häufig die hohen Sanierungskosten im Mittelpunkt der Diskussion. Inzwischen ist von Summen die Rede, die sich auf rund 60 Millionen Euro belaufen könnten. Schnell entsteht dabei der Eindruck, das Gebäude sei schlicht zu teuer geworden und eine Lösung deshalb kaum noch möglich.
Doch diese Betrachtung greift zu kurz.
Die eigentliche Frage lautet nicht, warum die Sanierung des Stadtbades heute so teuer ist. Die eigentliche Frage lautet: Warum wurde über einen Zeitraum von mehr als 30 Jahren keine tragfähige Entscheidung getroffen?
Eine Geschichte, die nicht erst heute beginnt
Die Geschichte des Stadtbades Lichtenberg begann nicht erst mit dem jüngsten gescheiterten Investorenverfahren und auch nicht mit den aktuellen Diskussionen um die Zukunft des Gebäudes.
Bereits vor rund drei Jahrzehnten gab es konkrete Überlegungen und Vorbereitungen für eine Sanierung des denkmalgeschützten Volksbades. Nach unserem Kenntnisstand standen hierfür damals sogar finanzielle Mittel zur Verfügung. Kurz bevor die geplanten Maßnahmen umgesetzt werden konnten, wurden diese Mittel jedoch für andere Projekte verwendet.
Was folgte, waren drei Jahrzehnte des Stillstands.
Diese Entwicklung ist nicht nur durch Akten und Unterlagen dokumentiert. Zu den Zeitzeugen gehört auch unser langjähriges Vereinsmitglied Dr. Helmut Maier, Architekt und damaliger Projektleiter der vorgesehenen Sanierungsmaßnahmen. Die Unterlagen aus dieser Zeit zeigen deutlich, dass die Zukunft des Gebäudes bereits damals Gegenstand konkreter Planungen war.
Was 30 Jahre Stillstand bedeuten
Heute, 30 Jahre später, steht das Stadtbad noch immer leer.
In diesen drei Jahrzehnten sind die Baupreise kontinuierlich gestiegen. Gleichzeitig verschlechterte sich der bauliche Zustand des Gebäudes Jahr für Jahr. Dächer, technische Anlagen, Fassaden und Innenbereiche blieben den Auswirkungen von Alterung, Feuchtigkeit und Witterung ausgesetzt.
Die Folge ist offensichtlich: Aus einer damals deutlich kostengünstigeren Sanierungsaufgabe ist ein Millionenprojekt geworden.
Deshalb sollte die öffentliche Diskussion nicht nur die heutigen Kosten betrachten. Sie sollte auch die Frage stellen, welchen Anteil drei Jahrzehnte fehlender Entscheidungen an dieser Entwicklung haben.
Drei gescheiterte Investorenverfahren – und ein offener Brief
Aktuell wurde bereits das dritte Verfahren zur Suche nach einem Investor ohne Erfolg abgeschlossen. Aus diesem Anlass hat sich der Förderverein Stadtbad Lichtenberg e. V. mit einem offenen Brief an den Regierenden Bürgermeister von Berlin sowie an verschiedene Senatsverwaltungen gewandt.
Ziel war es, eine einfache Frage zu stellen: Welche konkrete Zukunftsperspektive verfolgt das Land Berlin für das Stadtbad Lichtenberg?
Bis heute liegt auf dieses Schreiben keine Antwort der politischen Entscheidungsträger vor.
Lediglich die Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM), die das Objekt im Auftrag des Landes Berlin verwaltet, hat eine Stellungnahme abgegeben. Darin wird ausgeführt, dass derzeit keine öffentliche Finanzierungsperspektive gesehen werde und eine nachhaltige Sanierung unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen nur durch einen privaten Investor realistisch erscheine.
Gleichzeitig wird darauf verwiesen, dass die grundlegenden Entscheidungen über Haushaltsmittel und Prioritäten letztlich politisch getroffen werden.
Genau an diesem Punkt beginnt aus unserer Sicht die eigentliche Diskussion.
Was geschieht, wenn sich auch künftig kein Investor findet?
Nach drei gescheiterten Verfahren stellt sich zwangsläufig die Frage: Was geschieht, wenn sich auch künftig kein Investor findet?
Bislang wurde hierzu keine konkrete Perspektive benannt. Ebenso offen bleibt die Frage, welche alternativen Finanzierungswege in den vergangenen Jahren geprüft wurden:
- Wurden Bundesförderprogramme untersucht?
- Wurden Fördermittelanträge gestellt?
- Wurden Stiftungsmodelle geprüft?
- Gab es Überlegungen zu Mischfinanzierungen oder zu einer schrittweisen Entwicklung des Gebäudes?
- Welche Möglichkeiten wurden verfolgt – und welche aus welchen Gründen verworfen?
Auf viele dieser Fragen gibt es bislang keine öffentlich bekannten Antworten.
Dabei zeigt die Geschichte anderer denkmalgeschützter Bäder und öffentlicher Gebäude, dass erfolgreiche Sanierungen häufig durch eine Kombination unterschiedlicher Finanzierungsquellen ermöglicht wurden. Auch Bürgerengagement kann hierbei eine Rolle spielen.
Das Angebot des Fördervereins
Der Förderverein hat mehrfach seine Bereitschaft erklärt, sich aktiv einzubringen. Dies betrifft nicht nur die historische Forschung, sondern auch die Vermittlung der außergewöhnlichen Geschichte des Gebäudes. Seit Jahren bieten wir Verantwortlichen und Entscheidungsträgern an, die historische Entwicklung des Volksbades im Rahmen eines ausführlichen Fachvortrages vorzustellen.
Denn nur wer die Geschichte eines Ortes kennt, kann seine Zukunft sinnvoll gestalten.
Mehr als eine sanierungsbedürftige Immobilie
Das Stadtbad Lichtenberg ist weit mehr als eine sanierungsbedürftige Immobilie. Es ist ein Zeugnis der Berliner Sozial- und Gesundheitsgeschichte. Es entstand aus der Volksbadbewegung des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, als Ärzte, Wissenschaftler, Architekten, Unternehmer und Kommunalpolitiker gemeinsam daran arbeiteten, die hygienischen Lebensbedingungen breiter Bevölkerungsschichten zu verbessern.
Das Gebäude steht bis heute für diese Idee.
Umso erstaunlicher ist es, dass sich die Diskussion über seine Zukunft häufig auf rein wirtschaftliche Betrachtungen reduziert. Selbstverständlich müssen finanzielle Realitäten berücksichtigt werden. Doch ebenso wichtig ist die Frage, welchen Stellenwert Berlin seinen historischen öffentlichen Bauwerken beimisst.
Die Antwort darauf wird nicht allein über das Schicksal des Stadtbades Lichtenberg entscheiden. Sie wird auch zeigen, wie ernst es der Stadt mit ihrer eigenen Geschichte ist.
Worüber wir sprechen sollten
Dreißig Jahre nach der Schließung des Stadtbades stehen wir erneut vor einer grundlegenden Frage:
Wollen wir weiter darüber diskutieren, warum etwas nicht möglich ist? Oder beginnen wir endlich damit, darüber zu sprechen, wie eine Zukunft für dieses einzigartige Baudenkmal aussehen kann?
Der Förderverein Stadtbad Lichtenberg e. V. wird diesen Prozess weiterhin kritisch, konstruktiv und öffentlich begleiten.
Denn eines sollte nach drei Jahrzehnten Stillstand deutlich geworden sein: Die Zukunft des Stadtbades Lichtenberg ist nicht allein eine Frage des Geldes. Sie ist vor allem eine Frage des politischen Willens.
„Das Stadtbad Lichtenberg ist nicht an fehlenden Ideen gescheitert, sondern bislang an fehlenden Entscheidungen.”
Dokumente zum Nachlesen
Die folgenden Dokumente bilden den Schriftwechsel des Fördervereins mit dem Regierenden Bürgermeister von Berlin sowie mit der Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) ab. Sie stehen hier zum Download bereit: