Das Stadtbad Lichtenberg gehört zu den architektonisch und stadtgeschichtlich bedeutenden Bauwerken im Berliner Osten. Zwischen 1918 und 1926 wurde das Gebäude mehrfach umgeplant, wobei sich nicht nur funktionale Anforderungen, sondern auch sich wandelnde architektonische Leitbilder der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg in den Entwürfen widerspiegeln. Eine besonders interessante, letztlich jedoch nicht realisierte Planungsphase ist die ursprünglich vorgesehene ebenerdige Erschließung des Gebäudes.
Eine frühe Idee: Zugang auf Straßenniveau
Die frühesten vorliegenden Zeichnungen lassen erkennen, dass das Stadtbad zunächst ohne das heute prägende Hochparterre konzipiert war. Stattdessen sollte der Zugang direkt auf Straßenniveau erfolgen. Diese Lösung hätte dem Bau eine deutlich offenere und einladendere Wirkung verliehen, da Besucher das Gebäude ohne vorgelagerte Treppenanlagen unmittelbar hätten betreten können. Damit wäre eine niedrigere Zugangsschwelle entstanden, sowohl im funktionalen als auch im gestalterischen Sinne.
Zusammenarbeit mit KATANEO – Rekonstruktion in 3D
Auf Grundlage der überlieferten Planunterlagen wurde in Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro KATANEO – Katja Jacobi aus Lichtenberg ein möglicher Grundriss dieser frühen Entwurfsphase rekonstruiert und in eine dreidimensionale Darstellung überführt. Diese Visualisierung stellt bewusst keine exakte Rekonstruktion dar, da die Quellenlage hierfür nicht ausreichend ist. Vielmehr handelt es sich um eine plausible Annäherung, die sich eng an den erkennbaren Entwurfsprinzipien der historischen Zeichnungen orientiert und diese räumlich erfahrbar macht.
Der zentrale Innenhof als räumliche Mitte
Im Zentrum der rekonstruierten Anlage steht ein klar gegliederter, symmetrisch aufgebauter Innenraum, der als eine Art überdachter Hof interpretiert werden kann. Ein zentral angeordneter Brunnen bildet dabei den gestalterischen und räumlichen Fokus. Die Überdeckung durch ein Glasdach sorgt für eine gleichmäßige natürliche Belichtung und verweist auf typische architektonische Motive öffentlicher Badeanstalten jener Zeit.
Materialität: Sichtziegel und Keramik
Die Materialität aus Sichtziegelmauerwerk in Kombination mit keramischen Wandflächen greift sowohl gestalterische als auch hygienische Anforderungen auf, wie sie für Bäderbauten des frühen 20. Jahrhunderts charakteristisch waren. Diese Werkstoffwahl zieht sich als roter Faden durch die gesamte Berliner Bädergeschichte dieser Zeit – sie verbindet repräsentativen Anspruch mit den praktischen Erfordernissen eines stark frequentierten Hygienebetriebs.
Funktionale Gliederung: symmetrische Erschließung der Schwimmhallen
Von besonderer Bedeutung ist die klare funktionale Gliederung des Raumes. Links und rechts des zentralen Hofbereichs hätten sich die Zugänge zu den jeweiligen Schwimmhallen befunden. Diese symmetrische Erschließung lässt sich aus den historischen Planunterlagen ableiten und verdeutlicht das durchdachte Nutzungskonzept der frühen Entwurfsphase. Der zentrale Raum hätte somit nicht nur eine repräsentative, sondern zugleich eine verteilernde Funktion übernommen.
Vergleich mit der ausgeführten Lösung
Die Gegenüberstellung mit der später realisierten Ausführung zeigt deutlich, dass sich das Planungskonzept im Laufe der Jahre erheblich verändert hat. Die schließlich umgesetzte Lösung mit Hochparterre wirkt im Vergleich deutlich geschlossener und monumentaler, während die ursprüngliche Idee stärker auf Offenheit und unmittelbare Zugänglichkeit abzielte. Gründe für diese Planänderung sind heute nicht mehr eindeutig nachvollziehbar, dürften jedoch sowohl in konstruktiven als auch in städtebaulichen Überlegungen gelegen haben.
Was die Rekonstruktion für die Baugeschichte bedeutet
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Rekonstruktion dieser frühen Planungsphase einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Baugeschichte des Stadtbades Lichtenberg leistet. Sie macht deutlich, dass das Gebäude das Ergebnis eines vielschichtigen und keineswegs geradlinigen Planungsprozesses ist. Auch wenn Details der Ausstattung und Ausführung nicht abschließend geklärt werden können, erlaubt die Visualisierung eine fundierte und nachvollziehbare Annäherung an die ursprüngliche architektonische Idee und zeigt, wie klar strukturiert und funktional durchdacht der Entwurf bereits in dieser frühen Phase war.