Im Rahmen unserer langjährigen Forschungen zur Bau- und Technikgeschichte des Stadtbades Lichtenberg haben wir vor einigen Monaten von den Berliner Wasserbetrieben mehrere historische Fotografien erhalten, die ein außergewöhnliches Modell des Stadtbades zeigen.
Bei dem Modell handelt es sich nicht um ein gewöhnliches Architekturmodell. Dargestellt ist vielmehr ein aufwendig ausgeführtes Schnittmodell des Gebäudes, in dem das Strangschema der Rohrleitungen sowie die technische Versorgung des Stadtbades sichtbar gemacht wurden. Auf einer der Aufnahmen ist die Bezeichnung
„Modell: Heizung und Wasserversorgung des Stadtbades Lichtenberg“
zu erkennen.
Das Modell zeigt die Geschosse des Stadtbades im Schnitt. Deutlich sichtbar sind die vertikal und horizontal geführten Rohrleitungen, die technischen Anlagen im Untergeschoss, die Schwimmhallen sowie weitere Teile der damaligen Heizungs- und Wasserversorgung. Es dürfte sich somit um ein technisches Anschauungs- und Demonstrationsmodell gehandelt haben, das die komplexe Versorgung des 1928 eröffneten Stadtbades verständlich darstellen sollte.

Modell: Heizung und Wasserversorgung des Stadtbades Lichtenberg. Entwurf und Ausführung: Rahn. Größte Gas- und Wasser-Fachausstellung, Berlin 1929. — Mit freundlicher Genehmigung der Berliner Wasserbetriebe
Ausstellung im Jahr 1929
Nach den bislang vorliegenden Hinweisen wurde das Modell im Jahr 1929 auf der großen Deutschen Ausstellung „Gas und Wasser“ in Berlin gezeigt. Das Stadtbad Lichtenberg war zu diesem Zeitpunkt erst etwa ein Jahr in Betrieb und galt als moderne öffentliche Badeanstalt mit einer für die damalige Zeit bemerkenswerten technischen Ausstattung.
Es liegt daher nahe, dass das Modell eigens angefertigt wurde, um die Heizungs- und Wasserversorgung des Stadtbades einem Fachpublikum anschaulich zu vermitteln. Die Ausstellung bot dafür den passenden Rahmen, denn dort wurden technische Anlagen, Versorgungsnetze, Modelle und neue Entwicklungen auf den Gebieten Gas, Wasser und öffentliche Infrastruktur präsentiert.
Die Fotografien von Fritz Bettge
Die historischen Aufnahmen wurden von dem Berliner Industrie- und Architekturfotografen Fritz Bettge angefertigt. Auf der Rückseite eines Fotos befindet sich sein Firmenstempel mit der Anschrift:
Fritz Bettge Industrie- und Architektur-Photograph Stereoskop-Aufnahmen, Industrie-Filme Berlin W 35, Schöneberger Ufer 30
Die Auswertung der Berliner Adressbücher hat inzwischen wichtige Hinweise zur zeitlichen Einordnung ergeben. Fritz Bettge wurde in den Jahren 1929 bis 1931 noch unter der Anschrift Kurfürstenstraße 37 geführt. Im Adressbuch von 1932 erscheint er in der Potsdamer Straße 43. Die Anschrift Schöneberger Ufer 30 dürfte demnach erst später genutzt worden sein.
Damit spricht einiges dafür, dass die erhaltenen Fotografien nicht unmittelbar während der Ausstellung von 1929 entstanden sind, sondern erst einige Jahre danach. Das wäre ein wichtiger Hinweis, denn daraus ließe sich schließen, dass das Modell nach dem Ende der Ausstellung weiterhin vorhanden war und möglicherweise an einem anderen Ort aufgestellt wurde.

Blick auf die über alle Geschosse geführten Rohrleitungen des Modells. — Mit freundlicher Genehmigung der Berliner Wasserbetriebe
Der Hinweis auf ein Museum in Charlottenburg
Auf der Rückseite einer der Fotografien befindet sich außerdem der handschriftliche Vermerk:
„altes Museum in Charlottenburg; Ausstellungsstück“
Dieser Hinweis ist für unsere weitere Recherche von besonderer Bedeutung. Derzeit ist allerdings noch nicht geklärt, welches Museum damit gemeint war.
In Betracht kommt möglicherweise eine technische oder hygienische Ausstellungseinrichtung in Berlin-Charlottenburg. Denkbar wäre insbesondere ein Zusammenhang mit der früheren „Ständigen Ausstellung für Arbeiterwohlfahrt“, die später als Deutsches Arbeitsschutzmuseum bezeichnet wurde. Dort wurden technische Modelle, Einrichtungen des Gesundheits- und Arbeitsschutzes sowie anschauliche Darstellungen moderner Versorgungssysteme gezeigt.
Ein Modell zur Heizungs- und Wasserversorgung eines großen öffentlichen Stadtbades hätte thematisch durchaus in eine solche Sammlung gepasst. Ein abschließender Nachweis dafür liegt bislang jedoch noch nicht vor.
Wo befindet sich das Modell heute?
Die wichtigste offene Frage lautet nun: Hat das Modell die Kriegs- und Nachkriegszeit überstanden, und wenn ja, wo befindet es sich heute?
Derzeit versuchen wir, den möglichen weiteren Aufenthaltsort des Modells zu ermitteln. Dazu müssen verschiedene Spuren verfolgt werden. Von Interesse sind insbesondere frühere Museumsbestände in Charlottenburg, alte Inventarverzeichnisse, Fotokarteien, Ausstellungsunterlagen und Dokumente zur Deutschen Ausstellung „Gas und Wasser“ von 1929.
Auch wenn das Modell selbst möglicherweise nicht mehr erhalten sein sollte, könnten sich in Archiven noch Hinweise auf seine Übernahme, Aufstellung, Auslagerung oder spätere Abgabe befinden.
Die vier bislang bekannten Fotografien sind daher von großer Bedeutung. Sie dokumentieren nicht nur das Aussehen des Modells, sondern belegen zugleich, wie ausführlich die technische Versorgung des Stadtbades Lichtenberg bereits kurz nach seiner Eröffnung dargestellt und öffentlich präsentiert wurde.

Perspektivische Ansicht des Modells mit Schwimmhallen und Kellertechnik. — Mit freundlicher Genehmigung der Berliner Wasserbetriebe
Ein weiteres Stück Stadtbadgeschichte
Der Fund der Fotografien erweitert unsere Kenntnisse über die Geschichte des Stadtbades um einen bisher kaum bekannten Aspekt. Das Modell verdeutlicht, dass das Stadtbad nicht nur als öffentliches Volksbad, sondern auch als technisch bemerkenswertes Bauwerk wahrgenommen wurde.
Unsere Recherche steht noch am Anfang. Wir hoffen jedoch, über die noch vorhandenen Spuren in Archiven, Museen und historischen Sammlungen mehr über den Weg des Modells nach der Ausstellung von 1929 zu erfahren.
Vielleicht befindet es sich noch heute unbeachtet in einem Depot, einer technischen Sammlung oder einem Museumsbestand. Sollte es tatsächlich noch existieren, wäre seine Wiederentdeckung ein außergewöhnlicher Fund für die Geschichte des Stadtbades Lichtenberg und für die Berliner Technik- und Museumsgeschichte.
Wer Hinweise zum Verbleib des Modells, zu früheren Museumsbeständen in Charlottenburg oder zur Deutschen Ausstellung „Gas und Wasser“ von 1929 geben kann, ist herzlich eingeladen, sich beim Förderverein Stadtbad Lichtenberg zu melden.