Das Scheitern des Bieterverfahrens ist ein politisches Alarmsignal
Wie unter anderem der RBB Mitte Januar 2026 berichtete, ist das Bieterverfahren für das historische Stadtbad Lichtenberg (Hubertusbad) ergebnislos beendet worden. Auch andere Quellen bestätigen: Es gab am Ende kein Angebot, das sowohl wirtschaftlich tragfähig als auch mit den Anforderungen des Denkmalschutzes vereinbar gewesen wäre.
Das ist mehr als eine Randnotiz aus der Immobilienwelt. Es ist eine klare Botschaft an die Berliner Politik.
Denn das Verfahren war kein „freiwilliger Versuch“, sondern die strategische Idee: Ein Investor soll es richten. Angeboten wurde – wie von der BIM im April 2025 kommuniziert – ein Erbbaurecht über 60 Jahre. Dieses Modell sollte zugleich Entlastung für den Landeshaushalt bringen und die Sanierung sowie künftige Nutzung in private bzw. gemeinwohlorientierte Hände geben. Nun ist dieses Konstrukt gescheitert. Und damit ist endgültig bewiesen: Die Hoffnung, dass „der Markt“ dieses Denkmal rettet, ist politisch bequem – aber praktisch unrealistisch.
Wir hatten bereits in unserem Blogbeitrag vom 27.04.2025 auf die Risiken und die trügerische Logik eines solchen Ansatzes hingewiesen. Es kam, wie zu erwarten war: Wer ernsthaft kalkuliert, erkennt schnell die Kombination aus Sanierungsrisiken, Auflagen, Investitionsdruck und langfristiger Betreiberverantwortung – und steigt aus. Nicht, weil das Hubertusbad „wertlos“ wäre, sondern weil die Rahmenbedingungen so gesetzt sind, dass Verantwortung ausgelagert wird, ohne sie finanziell zu unterlegen.
Die Kernfrage lautet jetzt: Wer übernimmt Verantwortung – Senat, Bezirk, BIM?
Mit dem Scheitern des Bieterverfahrens steht Berlin vor einer Entscheidung, die man seit Jahren vertagt:
Soll dieses Denkmal als öffentlicher Ort erhalten werden – oder nimmt man billigend in Kauf, dass es Stück für Stück weiter verfällt, bis am Ende nur noch „Sachzwänge“ bleiben?
Seit Jahren sprechen wir darüber, dass das Gebäude zumindest in seinem äußeren Erscheinungsbild ertüchtigt werden muss: Gebäudehülle, Witterungsschutz, Sicherung, Substanzerhalt. Ein Denkmal dieser Bedeutung darf nicht in einen Zustand rutschen, in dem jede weitere Verzögerung die Sanierungskosten exponentiell steigen lässt.
Faktisch ist das Hubertusbad längst zu einem städtebaulichen Symbol geworden: Für viele ist es ein Schandfleck mitten in Lichtenberg. Und schlimmer noch: Inzwischen wissen nicht wenige Lichtenbergerinnen und Lichtenberger gar nicht mehr, was sich hinter diesen Mauern verbirgt – weil über Jahre hinweg Sichtbarkeit, Kommunikation und politische Priorität fehlten.
Bürgerengagement ist wichtig – aber es kann staatliche Pflicht nicht ersetzen
Ja: Die Bevölkerung sollte sich stärker einbringen. Ein Denkmal lebt auch vom öffentlichen Druck, von Initiativen, von Vereinen, von kulturellen Formaten und von einer Nachbarschaft, die nicht akzeptiert, dass ein identitätsstiftender Ort verkommt.
Aber genauso klar ist: Bürgerengagement darf nicht als Ersatzhandlung dienen, damit die Politik sich aus der Verantwortung ziehen kann. Ein landeseigenes Denkmal dieser Größenordnung ist keine Spendenkampagne, sondern eine öffentliche Aufgabe.
Berlin muss endlich aufhören, das Hubertusbad so zu behandeln, als sei es ein „Problem“, das man auslagern kann. Es ist kein lästiger Posten in der Liegenschaftsverwaltung. Es ist Kultur, Stadtgeschichte, Identität – und damit politische Pflicht.
Transparenzfrage: Was passiert mit den Einnahmen aus Vermietung und Zwischennutzung?
Die BIM setzt – nachvollziehbar – auf Zwischennutzung, auch um Leerstand zu vermeiden und Einnahmen zu generieren.
Aber genau hier entsteht die zwingende Frage, die politisch beantwortet werden muss:
Was geschieht eigentlich mit den Einnahmen aus der Vermietung, die die BIM am Hubertusbad erwirtschaftet?
Werden diese Mittel zweckgebunden angespart – also konkret für Sicherung, Erhalt und Sanierung des Hubertusbads? Oder fließen sie in allgemeine Budgets, Quersubventionierungen oder den Landeshaushalt, ohne dass am Objekt sichtbar etwas vorangeht?
Ohne Transparenz bleibt alles eine Blackbox. Und eine Blackbox ist das Gegenteil von verantwortlicher Liegenschaftspolitik.
Krisenresilienz: Stadtbäder als Anlaufpunkte der Daseinsvorsorge
Der jüngste großflächige Stromausfall im Berliner Südwesten Anfang Januar 2026 hat eine weitere Schwachstelle offengelegt: In einer Lage, in der Kommunikation, Information und teilweise auch Versorgung eingeschränkt sind, braucht die Bevölkerung verlässliche Anlaufpunkte. Berlin hat dafür grundsätzlich das System der Katastrophenschutz-Leuchttürme – also öffentliche Anlaufstellen, die in besonderen Ausnahmesituationen geöffnet werden und dann Informationen sowie Hilfestellungen bieten.
Gerade die Ereignisse im Südwesten zeigen jedoch, dass zwischen Konzept und Einsatzfähigkeit Lücken bestehen – Medien berichteten, dass geplante Anlaufstellen teils nicht einsetzbar bzw. in der Praxis nicht ausreichend wirksam waren.
Genau hier liegt eine strategische Chance für Berlin – und für Orte wie das Hubertusbad: Öffentliche Einrichtungen wie Stadtbäder können in ein Gesamtkonzept des Bevölkerungsschutzes integriert werden, als robuste, bekannte und gut erreichbare Infrastruktur im Quartier. Denkbar sind Funktionen als Informationspunkt, Wärme-/Aufenthaltsort, Ausgabestelle oder koordinierter Treffpunkt – selbstverständlich abhängig von baulichem Zustand, Notstromfähigkeit und organisatorischer Einbindung. Das ist kein „Nice-to-have“, sondern Resilienzpolitik: Wer heute in öffentliche Infrastruktur investiert, stärkt zugleich Denkmalschutz, Quartiersentwicklung und Krisenfähigkeit.
Blick nach Nürnberg: Dort hat die Politik den Ernst der Lage erkannt.
Dass es anders geht, zeigt Nürnberg. Dort wurde das denkmalgeschützte Volksbad (Jugendstil) nicht jahrelang in die Zuständigkeitsschleifen verschoben, bis „irgendwer“ kommt. Der Stadtrat hat sich politisch klar festgelegt: Das Bad wird saniert und wiedereröffnet – ausdrücklich als öffentliche Investition.
Die kommunizierte Projektgröße liegt bei rund 55,6 Millionen Euro, getragen durch eine Finanzierung aus städtischen Mitteln sowie Förderungen von Land und Bund. (Wie bei großen Bestandsprojekten üblich, wurden in der öffentlichen Debatte zudem Kostensteigerungen und Anpassungen diskutiert.)
Der entscheidende Punkt ist nicht, ob Nürnberg exakt X oder Y Millionen ausgibt. Der entscheidende Punkt ist: Dort hat die Politik verstanden, dass Denkmalerhalt keine Investorenlotterie ist, sondern eine Frage des politischen Willens.
Und genau diese Konsequenz fehlt in Berlin bislang.
Was Berlin jetzt braucht: Verbindlichkeit statt Vertagung
Das Scheitern des Bieterverfahrens darf nicht der Startschuss für das nächste „Prüfen“, „Evaluieren“ und „Neu-Aufsetzen“ werden. Berlin braucht jetzt einen verbindlichen Kurs – mit Zuständigkeit, Zeitplan und Finanzierung.
Aus unserer Sicht sind mindestens folgende Punkte dringend erforderlich:
1. Ein öffentlich nachvollziehbarer Stufenplan
Mit klaren Meilensteinen: Sicherung/Erhalt, Gebäudehülle, Brandschutz/Haustechnik, Nutzungskonzept, Betreiberstruktur. Kein „Konzeptpapier“, sondern ein politisch beschlossener Fahrplan.
2. Ein Sofortprogramm zum Substanzerhalt (2026/2027)
Alles, was verhindert, dass der Verfall weiterläuft und die Kosten explodieren: Witterungsschutz, Abdichtungen, Gefahrenstellen, Hülle, provisorische Sicherung. Das ist keine „Luxusmaßnahme“, sondern Schadensbegrenzung.
3. Transparenz über Einnahmen, Kosten und Mittelabfluss
Offenlegung, welche Einnahmen aus Zwischennutzung/Vermietung erzielt werden und wie diese Mittel verwendet werden.
4. Haushaltspolitische Priorisierung
Wenn Berlin sich zu seinem kulturellen Erbe bekennt, muss sich das im Haushalt abbilden. Alles andere ist Symbolpolitik. Ein Denkmal rettet man nicht mit Pressemitteilungen.
5. Verbindliche Bürgerbeteiligung – mit Wirkung, nicht als Alibi
Formate, die wirklich in Entscheidungen einfließen: Nutzungsziele, Gemeinwohlkriterien, Quartiersbezug, soziale und kulturelle Zugänglichkeit und Bedarfsanalyse für weitere Nutzungen im Bereich Sport und Medizien.
6. Integration in den Bevölkerungsschutz (Katastrophenschutz-Leuchttürme / Resilienzkonzept):
Prüfung und Planung, ob und wie Stadtbäder – perspektivisch auch das Hubertusbad – als krisenfeste Anlaufpunkte (Information/Hilfe/Versorgung) nutzbar gemacht werden können, inkl. Mindestanforderungen (Notstrom, Kommunikation, Betreiber-/Einsatzkonzept) und Zuständigkeit zwischen Bezirk, Senat, Feuerwehr/Katastrophenschutz.
Schlussfolgerung: Das Hubertusbad ist ein Testfall – für Glaubwürdigkeit und Verantwortung
Es wäre dringend erforderlich, dass die Berliner Politik diese Angelegenheit ernsthaft annimmt. Nicht als „Immobilienfrage“, sondern als Frage von Verantwortung, Glaubwürdigkeit und Prioritäten.
Denn am Ende ist das Hubertusbad ein politischer Testfall:
Ob Berlin sein bauliches Erbe aktiv schützt – oder ob man den Verfall verwaltet, bis man irgendwann behaupten kann, es gebe „keine Alternative“ mehr.
Das Bieterverfahren ist gescheitert. Damit ist die Ausrede vom Tisch. Jetzt beginnt die Phase, in der Politik liefern muss.
Wir werden weiterhin dran bleiben und uns zu diesem Sachverhalt an entsprechende Senatsabteilungen wenden.