Zum 145. Geburtstag von Otto Weis bietet sich die seltene Gelegenheit, eine weitere Persönlichkeit der Lichtenberger Baugeschichte zu würdigen, die lange Zeit erstaunlich wenig Konturen hatte. Über Jahrzehnte existierte in der öffentlichen Wahrnehmung im Wesentlichen nur ein fester Bezugspunkt: sein Name im Zusammenhang mit dem Stadtbad Lichtenberg. Erst durch intensive Recherchen durch unseren Förderverein, das Zusammenführen verstreuter Verwaltungs- und Verzeichnisquellen sowie durch das Bekanntwerden privater Originalunterlagen konnte in jüngerer Zeit überhaupt ein deutlich klareres Bild vom Leben und Wirken dieses Architekten und Baubeamten entstehen. Damit verbindet sich auch ein Stück Bau- und Erinnerungsgeschichte: Nicht jede Leistung, die im kommunalen Hochbau einer Großstadt erbracht wurde, ist automatisch durch Veröffentlichungen oder eine geordnete Nachlassüberlieferung abgesichert.
Otto Weis soll aus Wiesbaden stammen. Beim genauen Geburtsdatum existieren abweichende Angaben: genannt werden sowohl der 30. Dezember 1880 als auch der 29. Dezember 1881. Unabhängig von dieser Differenz ist eine kleine, aber passende Randnotiz für einen Geburtstagsbeitrag, dass Weis fast „Geburtstagsnachbar“ von Rudolf Gleye ist, der als Mitgestalter des Stadtbads ebenfalls eng mit Lichtenberg verbunden ist: Rudolf Gleye hatte am 26. Dezember Geburtstag; Otto Weis wird wenige Tage später, Ende Dezember, verortet. Diese kalendarische Nähe ist nicht nur eine hübsche Pointe – sie erinnert auch daran, dass sich zwei Biografien im Stadtbad Lichtenberg zu einem gemeinsamen Werk bündeln.
Zu den frühen Stationen von Otto Weis gehört eine besonders reizvolle, jedoch bislang nicht abschließend belegte Spur: die mögliche Mitarbeit im Umfeld von Stadtbaurat Ludwig Hoffmann. Überliefert ist die Aussage, Otto Weis habe um 1905–1907 bei Planungen im Zusammenhang mit Heilstätten in Berlin-Buch mitgewirkt. Fachlich ist dies nicht unplausibel, da Hoffmanns Berliner Neubauten aus dieser Zeit gut dokumentiert sind. Gleichzeitig ist ebenso festzuhalten, dass in den einschlägigen Publikationen Hoffmanns kein sicherer, namentlicher Nachweis für Otto Weis gefunden wurde. Damit bleibt die „Hoffmann-Spur“ vorerst eine plausible Möglichkeit und eine Suchrichtung – aber kein gesicherter Befund.
Deutlich belastbarer wird der Lebensweg ab den frühen 1920er Jahren in Lichtenberg/Friedrichsfelde. In zeitgenössischen Verzeichnissen erscheint Otto Weis als Architekt, und die Rekonstruktion zeigt ihn im weiteren Verlauf in verantwortlichen Positionen der kommunalen Bauverwaltung. Diese Ebene ist für das Stadtbad von besonderer Bedeutung: Ein städtischer Badbau ist nicht allein Entwurf, sondern auch Verwaltung, Finanzierung, technische Koordination und späterer Betrieb. Dass Otto Weis genau in diesem kommunalen Kontext greifbar wird, passt zur Logik des Projekts. Das Landesdenkmalamt Berlin beschreibt das Stadtbad Lichtenberg (Hubertusbad) ausdrücklich als zwischen 1925 und 1928 von Rudolf Gleye und Otto Weis erbaut und ordnet es als herausragendes Beispiel expressionistischer Architektur ein. Auch die stadtbadeigene Darstellung zur Architektur nennt Weis als Magistratsbaurat an der Seite von Gleye und weist zudem auf den Bauingenieur Gerhard Mensch hin, der u. a. den statischen Nachweis der Becken erbracht habe – ein Hinweis auf die arbeitsteilige Planungspraxis, die bei solchen Großbauten typisch war.
Für die Bau- und Betriebsgeschichte ist besonders aufschlussreich, dass Otto Weis offenbar nicht nur in der Entstehungsphase mit dem Stadtbad verbunden war. Aktenkundige Hinweise und überlieferte Vorgänge zeigen, dass er noch Jahrzehnte später im Zusammenhang mit technischen Veränderungen am Gebäude auftaucht, unter anderem bei einem späteren Vorgang zum Aufzug. Solche Spuren sind denkmalgeschichtlich hochrelevant: Sie schlagen eine Brücke zwischen Entwurfszeit, Betrieb und späteren Anpassungen – also genau den Bereichen, in denen sich die „Lebensgeschichte“ eines öffentlichen Bades fortschreibt.
Einen außergewöhnlichen Quellenwert besitzt darüber hinaus ein privates Vermächtnis, das die Geschichte des Stadtbads unmittelbar berührt. Kurz vor dem Weggang von Otto Weis soll er persönliche Unterlagen zum Stadtbad Lichtenberg an die Familie Nispel und späteren Stadtbadleiterin Frau Nispel übergeben haben. Zu diesem Konvolut gehören nach der Überlieferung ein Fotoalbum mit Originalaufnahmen aus dem Jahr 1928 – also aus der Eröffnungszeit – sowie mehrere Originalzeichnungen auf Pergament zur Innengestaltung der Schwimmhallen, versehen mit seiner Unterschrift sowie Fotoplatten vom Flussbad Lichtenberg. Diese Unterlagen befinden sich heute im Privatbesitz. Für die Bau- und Denkmalgeschichte ist das ein seltener Glücksfall: Originalfotografien und signierte Innenraumzeichnungen können Ausführungsdetails, gestalterische Absichten und die ursprüngliche Raumwirkung dokumentieren, die später – etwa durch Reparaturen, Modernisierungen oder veränderte technische Anforderungen – oft nur noch schwer zu rekonstruieren sind.
In den biografischen Zusammenhang gehört auch, dass Otto Weis 1968 die DDR verlassen haben soll – und zwar in sehr hohem Alter. Nach der Überlieferung war er damals bereits 88 Jahre alt. Das ist auch in administrativer Hinsicht bemerkenswert: Er war zu diesem Zeitpunkt nach den damaligen Regelungen längst im Rentenalter (für Männer lag die Regelaltersgrenze bei 65 Jahren). In der DDR waren Reisen und dauerhafte Ortswechsel über viele Jahre hinweg stark reglementiert und mit Genehmigungen verbunden; gleichzeitig gab es im höheren Lebensalter in bestimmten Konstellationen eher Möglichkeiten für Verwandtenbesuche oder Aufenthalte im Westen als für Erwerbstätige. Diese Rahmenbedingungen helfen, den historischen Kontext zu verstehen, ohne individuelle Lebensentscheidungen vorschnell zu deuten.
Nach behördlichen Auskünften, die im Rahmen der Recherche herangezogen wurden, verstarb Otto Weis am 25. Januar 1974 in Wiesbaden im alter von 94 Jahren; seine Ehefrau Else starb am 8. Juni 1972 in Geisenheim. Gerade diese Angaben sind wichtig, weil öffentlich zugängliche Kurztexte zu Otto Weis teils nur vage Zeitmarken liefern. Mit den nun verfügbaren Daten lässt sich sein langes Leben bis in die 1970er Jahre hinein deutlich zuverlässiger nachzeichnen.
Wenn Otto Weis heute gewürdigt wird, sollte er daher nicht nur als „zweiter Name“ neben Rudolf Gleye erscheinen. Seine Lebensleistung liegt exemplarisch in der Verbindung von kommunaler Bauverantwortung und der erkennbar langen Bindung an ein Schlüsselbauwerk der Lichtenberger Stadtgeschichte. Das Stadtbad Lichtenberg ist ein Gebäude, das von Anfang an mehr war als Architektur: ein gesellschaftliches Dokument, Infrastruktur der Daseinsvorsorge, technisch anspruchsvoller Betrieb – und bis heute ein Ort, an dem sich Stadtgeschichte konkret erleben lässt. Dass sich Otto Weis’ Rolle darin heute besser verstehen lässt, ist nicht nur ein Gewinn für die historische Genauigkeit, sondern auch für das Selbstverständnis des Hauses: Die Geschichte des Stadtbads besteht nicht allein aus Steinen, Raumformen und Technik, sondern ebenso aus den Menschen, die es entwarfen, bauten, betrieben und über Generationen hinweg in Erinnerung hielten.