Dr.-Ing. Rudolf Gleye: Lichtenbergs leiser Modernisierer

26.12.2025 Allgemein, Historisches Kommentare geschlossen

Am heutigen 26. Dezember wäre Dr.-Ing. Rudolf Gleye 145 Jahre alt geworden. Ein Jubiläum, das sich nicht nur für eine biografische Notiz eignet, sondern für eine Würdigung, die etwas Wesentliches über Lichtenberg erzählt: über eine Zeit, in der Stadtentwicklung nicht primär durch Prestige, sondern durch technische und soziale Infrastruktur entschieden wurde. Gleye war Bauingenieur, Stadtbaurat, Verwaltungspraktiker – und damit eine jener Persönlichkeiten, die selten im Vordergrund stehen, deren Arbeit aber den Alltag eines Bezirks nachhaltig prägte. Sein früher Tod im Juni 1926, im Alter von nur 46 Jahren, riss ihn mitten aus Aufgaben, die damals die Zukunft Lichtenbergs mitbestimmten.

Ausbildung und Frühkarriere: Kanalisation, Stadttechnik, Verantwortung
Gleyes berufliche Prägung erklärt, warum seine späteren Projekte so konsequent „aus dem Betrieb heraus“ gedacht waren. Er legte im Herbst 1900 das Abitur ab und studierte anschließend an der Technischen Hochschule Braunschweig. 1902 absolvierte er die Vorprüfung; Ostern 1905 bestand er die Hauptprüfung im Ingenieurbau mit Auszeichnung und erwarb über eine Ergänzungsarbeit das Diplom. Bereits in den Semesterferien sammelte er Praxis, unter anderem beim Bau der Urfttalsperre.
Nach dem Studium folgten Stationen in den Stadtbauämtern Breslau, Potsdam und Halle an der Saale – genau dort, wo die technischen Fragen der wachsenden Stadt am schärfsten waren: Entwässerung, Kanalisationsbau, Bauleitung. Im Sommer 1908 unternahm Gleye eine Studienreise zur neueren städtischen Abwasserbeseitigung; anschließend ging er nach Greifswald, um ein Kanalbauamt aufzubauen und einen Gesamtplan für die Kanalisation zu erstellen. Er blieb dort und übernahm zudem die Stellvertretung des Direktors der städtischen Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerke – ein frühes Zeichen dafür, wie stark er Infrastruktur als zusammenhängendes System verstand. Am 16. Dezember 1910 wurde er mit einer Arbeit zur städtischen Kanalisation zum Dr.-Ing. promoviert.

Lichtenberg: vom Tiefbauingenieur zum Stadtbaurat – Kontinuität in Umbruchszeiten
Für Lichtenberg ist Gleye besonders deshalb bedeutsam, weil er in einer Phase schnellen Wachstums und administrativer Neuordnung Verantwortung trug. Laut Überlieferung trat er bereits am 1. März 1910 in den Dienst der damaligen Stadt Berlin-Lichtenberg ein (zunächst als Tiefbauingenieur); 1912 zog er nach Lichtenberg und widmete sich neuen Aufgaben der kommunalen Bauverwaltung. 1914 wurde er Stadtbaumeister, später Stadtbaurat.
Mit der Bildung Groß-Berlins 1920 verschoben sich Zuständigkeiten grundlegend. Gleye wurde in die erste Lichtenberger Bezirksverordnetenversammlung übernommen; 1921 wählte man ihn zum besoldeten Mitglied des Bezirksamts. Solche Übergänge sind für Bauvorhaben entscheidend: Ob Projekte in Krisen und Strukturwechseln scheitern oder fortgeführt werden, ist oft weniger eine Frage der Idee als der administrativen und technischen Durchsetzungskraft. Gleye steht in Lichtenberg genau für diese Kontinuität.

Das Stadtbad Lichtenberg (Hubertusbad): Uhligs Auftakt – Gleyes Fortführung, Weises Realisierung
Abbildung 2 zeigt die Fassadenpartie des Stadtbades Lichtenberg, auch Hubertusbad genannt – ein Bau, der bis heute als markanter Ausdruck der Volksbadkultur und der Moderne wahrgenommen wird. Gerade an diesem Gebäude ist historische Präzision wichtig: Es ist kein „Ein-Mann-Werk“, sondern eine über Jahre getragene kommunale Leistung.
Die Planungs- und Baugeschichte lässt sich in ihren Grundzügen klar darstellen: Der Baubeginn lag bereits 1919; als 1920 aus Lichtenberg ein Groß-Berliner Bezirk wurde, wurden die Bauarbeiten zunächst eingestellt. Erst 1925 ging es mit aktualisierten Plänen weiter. Verantwortlich waren nun Rudolf Gleye und Otto Weis; die Eröffnung erfolgte 1928. Gleichzeitig ist für die frühe Phase belegt, dass 1919 Entwurfsstände und Rekonstruktionen der Vorderansicht existierten – also ein ernsthaftes Projektstadium, das in die Zeit des Vorgängers und des damaligen kommunalen Hochbaus gehört.
Für eine faire Würdigung bedeutet das: Johannes Uhlig steht für den konzeptionellen Auftakt und die frühe Projektierung; Rudolf Gleye steht für das Weitertragen, Aktualisieren und Organisieren der Umsetzung unter veränderten Rahmenbedingungen; Otto Weis steht für die architektonisch-konstruktive Ausprägung in der Realisierungsphase. Diese Kontinuität ist kein Nebenaspekt, sondern das Wesen kommunaler Daseinsvorsorge: Eine gute Idee wird nicht nur diskutiert – sie wird über Jahre hinweg gebaut.
In der Darstellung des Museums Lichtenberg wird das Stadtbad sogar ausdrücklich als gemeinsames Werk von Uhlig, Gleye und Otto Weiß hervorgehoben.

Volksbadkultur: Hygiene, Gesundheit und die soziale Seite der Technik
Warum waren Stadtbad und Volksbadeanstalt überhaupt so zentrale Vorhaben? Weil in den dicht besiedelten Kiezen „kaum eine Wohnung Waschmöglichkeiten im modernen Sinne“ bot. Ein heißes Bad pro Woche war für viele kein Komfort, sondern ein Gesundheits- und Hygienefaktor. Eine bezirkliche Broschüre („Erfindergeist in Lichtenberg“) ordnet Rudolf Gleye genau in diesem Zusammenhang ein: Als Stadtbaurat und promovierter Ingenieur befasste er sich mit der Errichtung von Volksbadeanstalten – und in seine Zeit fiel nicht nur der Weiterbau des Volksbades/Stadtbades, sondern auch eine technische Innovation, die heute erstaunlich modern wirkt.

Das Flussbad Lichtenberg: Abwärme als Idee – eine Anlage von außergewöhnlichem Maßstab
Abbildung 3 führt mitten in die 1920er Jahre: das Städtische Flussbad Lichtenberg an der Rummelsburger Bucht. Nach Plänen von Rudolf Gleye entstand ab 1925 eine riesige Flussbadeanstalt; eröffnet wurde sie am 21. Mai 1927 unter der Adresse Köpenicker Chaussee 1–4. Sie umfasste mehrere Becken (Schul-, Warm- und Sportbecken) und war als moderne Großanlage mit Strandbereich und Infrastruktur konzipiert.
Das Besondere – und für eine Würdigung Gleyes zentral – ist die Abwärmenutzung. Das Warmbecken wurde in der kühleren Jahreszeit mit Abwärme des benachbarten Kraftwerks erwärmt. Die Broschüre „Erfindergeist in Lichtenberg“ formuliert es noch deutlicher: Auf Gleyes Anregung hin wurde das erhitzte Kühlwasser des Kraftwerks Klingenberg weiterverwendet, sodass Baden in angewärmtem Spreewasser auch in kälteren Monaten möglich war.
Damit steht das Flussbad für eine Denkweise, die man heute als systemisch und ressourcennah beschreiben würde: Energie fällt an, Wärme entsteht – und die Stadt nutzt diese Wärme nicht nur industriell, sondern für öffentliche Gesundheit, Freizeit und soziale Infrastruktur. Dieser Gedanke war in den 1920er Jahren keineswegs selbstverständlich. Er setzt technischen Sachverstand, Abstimmung mit den Kraftwerksbetreibern und betriebliche Umsetzung voraus.

Kraftwerk Klingenberg als Kontext: europäischer Maßstab und industrieller Ausdruck
Abbildung 4 zeigt das Kraftwerk Klingenberg, dessen Bedeutung den Kontext der Flussbad-Innovation unterstreicht. Das Landesdenkmalamt Berlin hebt hervor, dass das Werk 1927 mit einer Leistung von 270.000 kW ans Netz ging und damit als das größte und modernste Elektrizitätswerk Europas galt. Auch weitere Darstellungen beschreiben Klingenberg zur Eröffnung als besonders modernen europäischen Stromlieferanten.
Lichtenberg koppelte ein Flussbad von außergewöhnlicher Dimension an ein Kraftwerk, das in Europa Maßstäbe setzte – und machte aus industrieller Abwärme öffentliche Badekultur.

Carlo Jelkmann und der Blick über Lichtenberg hinaus:
In biografischen Darstellungen wird berichtet, dass Rudolf Gleye zeitweise mit dem auf Schwimmbad-bau spezialisierten Architekten Carlo Jelkmann zusammenarbeitete. Diese fachliche Nähe ist für Lichtenberg insofern aufschlussreich, als sie zeigt, dass Gleye im Umfeld von Spezialisten tätig war, die den modernen Badbau nicht als Nebenaufgabe, sondern als eigenständige architektonisch-technische Disziplin verstanden. Immer wieder findet sich jedoch in Artikeln und Zusammenstellungen die Behauptung, Gleye habe auch an den Entwürfen des Stadtbad Mitte (Gartenstraße) mitgearbeitet. Für diese Aussage gibt es nach heutigem, überprüfbarem Kenntnisstand keine belastbaren Belege: Weder die einschlägigen zeitgenössischen Veröffentlichungen zum Projekt noch die Denkmaldatenbank nennen Gleye. Zudem ist angesichts seines Todes am 8. Juni 1926 eine Beteiligung an Bauausführung oder Realisierung ohnehin ausgeschlossen. Die wiederkehrende Zuordnung ist daher als verbreitete, aber unbelegte Traditionsbehauptung zu bewerten – während die nachweisbare Aussage bei der allgemeinen beruflichen Zusammenarbeit zwischen Gleye und Jelkmann bleibt, ohne sicheren Bezug zum Stadtbad Mitte.

Abschied, Grabstätte und privater Nachhall
Rudolf Gleye starb am 8. Juni 1926 viel zu früh im alter von nur 46 Jahren an einem Herzinfarkt. Der Nachruf (Abbildung 1) markiert die zeitgenössische Wahrnehmung: als Stadtbaurat und Mitglied des Bezirksamtskollegiums, dessen Arbeit dem Bezirk Ausbau und Wohl gedient habe. Beigesetzt wurde er auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde.
Über die private Seite erfährt man naturgemäß weniger, doch die biografische Notiz nennt seine Ehefrau Gertrude und berichtet, dass sie nach seinem Tod nach Schöneberg umzog (Steglitzer Straße). Solche Informationen sind keine „Adresskunde“, sondern ein stilles Zeichen dafür, dass hinter der kommunalen Leistung ein persönliches Leben stand, das durch den frühen Tod abrupt neu geordnet werden musste.

Nachwirkung: Gleyeweg und das Gedächtnis des Bezirks
Die Erinnerung an Gleye ist in Lichtenberg nicht nur historisch, sondern buchstäblich verortet: Der Bezirk würdigte sein Engagement postum durch die Umbenennung von Haselhorstweg und Amselweg in den Gleyeweg (9. September 1931). Das ist eine selten deutliche Form kommunaler Anerkennung – und ein Hinweis darauf, wie substanziell sein Beitrag zur Entwicklung des Bezirks empfunden wurde.

Das Beitragsbild zeigt den Erweiterungsbau von 1923, wo das Bauamt Lichtenberg nach der Groß-Berlin Zusammenlegung gewirkt hat.

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