† 6. Februar 1946 – Lebensweg eines Bäderfachmanns zwischen Hamburg, Kiel und Berlin
Carl Samtleben wurde am 21. Januar 1878 geboren und gehört zu jener Generation von Bäderfachleuten, die das öffentliche Badewesen in der Phase der Großstadtentwicklung nicht nur verwalteten, sondern im Kern betrieblich prägten. Sein beruflicher Weg ist eng verbunden mit der Professionalisierung kommunaler Hygiene- und Gesundheitsinfrastruktur – einer Infrastruktur, die im frühen 20. Jahrhundert zu den zentralen Aufgaben moderner Stadtverwaltungen zählte. Samtlebens Name steht exemplarisch für ein Berufsbild, das weit über Aufsicht und Verwaltung hinausging: Ein Stadtbad war ein technisch, organisatorisch und hygienisch anspruchsvoller Großbetrieb, dessen Funktionsfähigkeit im Alltag jeden Tag neu hergestellt werden musste.
Warum lohnt es sich, sich mit Carl Samtleben so intensiv zu beschäftigen? Die Antwort liegt weniger in einer bloßen Personalgeschichte als in einem konkreten bau- und verwaltungshistorischen Zusammenhang. In der Rekonstruktion der Planungsgeschichte des Stadt- bzw. Volksbades Lichtenberg stellte sich über lange Zeit eine Kernfrage: Wer hat dem Bauamt Lichtenberg bei der Planung eines derart komplexen Badbetriebes fachlich geholfen – und auf welcher Grundlage wurden entscheidende Parameter wie Besucherzahlen, Kapazitäten und Ausstattung festgelegt? In der damaligen Lichtenberger Bauverwaltung gab es nach der Überlieferung keine ausgewiesenen Fachleute, die bereits praktische Erfahrung mit der Planung und dem Betrieb großer Badeanstalten hatten. Der entscheidende Durchbruch kam erst mit dem Auffinden eines Schriftstückes, das den direkten Kontakt zwischen dem Lichtenberger Baustadtrat Johannes Uhlig und dem Neuköllner Stadtbadleiter Carl Samtleben belegt. Erst dadurch wurde nachvollziehbar, wie die fachliche Brücke zwischen dem Lichtenberger Bauamt und der Badpraxis tatsächlich aussah – und warum sich die Lichtenberger Planung zum Ende des Ersten Weltkriegs erkennbar an den Erfahrungen eines bereits laufenden Großbades orientierte.
Nach den vorliegenden Informationen war Samtleben zunächst in Hamburg tätig. Von dort wurde er nach Neukölln abgeworben, um ein damals entstehendes Schlüsselprojekt der kommunalen Daseinsvorsorge praktisch in Gang zu setzen: das im Bau befindliche Stadtbad Neu-Kölln (später Neukölln). Diese Abwerbung ist biografisch bedeutsam, weil sie Samtleben als einen Praktiker mit nachgefragter Betriebskompetenz beschreibt – als jemanden, dem man zutraute, einen komplexen Neubau organisatorisch und technisch so zu strukturieren, dass er nach der Eröffnung zuverlässig funktionierte. Gerade die Phase der Inbetriebnahme eines Stadtbades ist entscheidend: Personal muss eingespielt werden, Abläufe müssen den tatsächlichen Besucherströmen standhalten, Hygiene- und Reinigungsregime müssen praxistauglich sein, und die Technik – Wasserführung, Beheizung, Lüftung, Warmwasserbereitung, Wartungszyklen – darf nicht nur auf dem Papier stimmen, sondern muss im Dauerbetrieb funktionieren.
Das Stadtbad Neu-Kölln/Neukölln wurde 1914 eröffnet und war damit Teil jener kommunalen Modernisierung, in der Stadtbäder zu sichtbaren Instrumenten von Hygiene, Volksgesundheit und sozialer Infrastruktur wurden. Ein Großbad dieser Art war ein Betrieb mit hoher Taktung und enormem Publikumsverkehr. Besucherführung, Aufsicht, Reinigung, Kassen- und Verwaltungsabläufe, getrennte Nutzungsbereiche, Material- und Wäschelogistik sowie Störfallmanagement mussten als System gedacht werden – und dieses System musste Tag für Tag funktionieren.
Parallel zur Tätigkeit im Badbetrieb entfaltete Samtleben eine langfristige und schließlich führende Rolle im organisierten Badefachwesen. In seinem Rückblick „Erinnerungen und Ausblick“, veröffentlicht im Dezember 1938 in der Zeitschrift „Das Bad“, schreibt er, dass er 1912 Mitglied des damaligen „Vereins der Badefachmänner“ wurde und damals nicht ahnte, dass er dem Verein „als seinem Leiter das Schlußwort schreiben“ würde. Zugleich liefert er eine zentrale Einordnung: Der Verein bestand 1912 bereits 15 Jahre und wurde 1897 gegründet. Er nennt leitende Namen der frühen Vereinsphase (u. a. Volkmann-Krefeld, Georg Hoppenberg-Bremen, Roman Kühnel-Köln a. Rh., Thomé-Gießen, Wimmet-München) und hält fest, dass von diesen frühen Vorkämpfern 1938 niemand mehr am Leben sei.
Samtleben macht in diesem Text auch die Arbeitsweise des Vereins greifbar. Er verortet seinen eigenen Einstieg über die Jahrestagungen: Die XI. Jahresversammlung 1912 in Altona und Hamburg sei die erste gewesen, an der er teilnahm; die Ergebnisse und Vorträge wurden danach regelmäßig in eigenen Heften veröffentlicht. Die XII. Jahresversammlung 1913 fand in Bonn und Neuwied am Rhein statt. Mit dem Ersten Weltkrieg kam der Vereinsbetrieb weitgehend zum Erliegen; Samtleben betont jedoch ausdrücklich, dass es dem Schriftleiter Kühnel gelang, das Vereinsblatt während des Krieges regelmäßig erscheinen zu lassen und so die Verbindung zu den Mitgliedern zu halten. Erst 1920 konnte die XIII. Jahresversammlung in Ludwigsburg wieder stattfinden. In diesem Zusammenhang nennt Samtleben nicht nur Leitung und technischen Ausschuss, sondern erscheint selbst ab dieser Phase im technischen Ausschuss – ausdrücklich als „Samtleben – Berlin-Neukölln“.
Ein biografisch besonders harter Anker ergibt sich aus seiner Darstellung der Schriftleitung. Samtleben schreibt, dass am 1. Februar 1923 der damalige Schriftleiter Roman Kühnel verstarb; die Schriftleitung von „Das Bad“ übernahm danach Bennecke-Breslau bis zum 31. Dezember 1930. Anschließend folgte nach Samtlebens Darstellung seine eigene Schriftleitertätigkeit – damit ist seine Rolle als zentraler Redaktionsverantwortlicher ab 1931 aus erster Hand belegt. Gleichzeitig beschreibt er einen Wandel des Blattes vom „ursprünglichen Vereins- und Amtsblatt“ zum Fachblatt „Das Bad“. Die Ausgabe selbst macht diese Funktion auch formal sichtbar: Im Kopf der Nummer wird Samtleben als „Hauptschriftleiter im Nebenberuf“ geführt und mit Berliner Anschrift ausgewiesen.
Seine Stellung als Hauptschriftleiter wird auch vereinsintern ausdrücklich hervorgehoben: In der Februar-Ausgabe 1938 der Zeitschrift „Das Bad“ wird vermerkt, dass Carl Samtleben am 21. Januar 1938 sein 60. Lebensjahr vollendete; der Vereinsführer Willy Hebekerl gratuliert ihm dabei im Namen des Vereins Deutscher Badefachmänner und dankt für die bisher geleistete Arbeit.
Samtlebens fachliche Autorität zeigte sich nicht nur in Vereins- und Redaktionsarbeit, sondern ebenso in seinen technischen Veröffentlichungen. Während seiner Tätigkeit im Umfeld des Vereins der Badefachmänner veröffentlichte er in der Zeitschrift „Das Bad“ mehrere Aufsätze und Abhandlungen zu technischen Neuerungen des Badbetriebs. Seine fachliche Verortung als betriebs- und technikorientierter Verwaltungspraktiker wird dabei auch terminologisch sichtbar: In Zusammenstellungen und Inhaltsübersichten wird er als „Verwaltungsamtmann“ geführt. Besonders deutlich wird dies in der 1936 erschienenen Buchveröffentlichung „Deutsche Hallenschwimmbäder. Bau, Wärme-, Wasserversorgung und Betrieb“. Das Werk ist als Zusammenstellung von Vorträgen angelegt und wird durch Tabellen sowie ergänzende Aufsätze erweitert; es verbindet damit planerische, technische und betriebliche Perspektiven in einer Form, die für die Praxis von Kommunen und Badbetrieben unmittelbar anschlussfähig war. In der Inhaltsübersicht wird Samtleben mehrfach als Autor ausgewiesen, unter anderem mit Beiträgen zu Fragen von Betrieb und Wirtschaftlichkeit sowie zu neueren Hallenbädern.
Samtlebens praktische Betriebserfahrung wirkte über Neukölln hinaus. Für die Berliner Bädergeschichte ist seine nachweisliche Einbindung in die Planung des Stadt- bzw. Volksbades Lichtenberg besonders aussagekräftig. Überliefert ist ein Schriftwechsel, in dem sich der Lichtenberger Baustadtrat Johannes Uhlig an den Stadtbadleiter Carl Samtleben wandte, um dringende Fragen für die weitere Planung zu klären; Samtleben regte eine Besprechung an, die am 23. November 1920 im Bauamt Lichtenberg stattfand. In dieser Phase wurde die Planung erkennbar auf eine betriebspraktisch „neue“ Grundlage gestellt: Erfahrungen aus dem bereits laufenden Großbetrieb des Stadtbades Neu-Kölln flossen ein, insbesondere über die Analyse von Besucherzahlen und die daraus abgeleitete notwendige Ausstattung. Damit zeigt sich ein für die Zeit bemerkenswert modernes Planungsverständnis: Nicht allein das architektonische Idealbild bestimmte die Anlage, sondern der Abgleich von Kapazität, Ausstattung und späterer Betriebsrealität – gerade in Stoßzeiten und bei hoher Frequenz.
Auch der private Rahmen ist inzwischen deutlicher konturiert. Nach Auskunft der Enkeltochter Elke Samtleben-Garry (geb. 1938) war Carl Samtleben zweimal verheiratet und Vater von vier Kindern. Nach dem frühen Tod seiner ersten Ehefrau heiratete er demnach ein zweites Mal; die zweite Ehefrau sei zuvor seine Sekretärin gewesen. Ebenfalls aus der familiären Überlieferung stammt die Angabe, Samtleben habe wohl ein Technikstudium absolviert. Gerade im Kontext seines Berufsfeldes ist dieser Hinweis plausibel: Die Leitung eines Stadtbades war in hohem Maß eine technische Aufgabe, und die im Badewesen diskutierten Themen – Wasseraufbereitung, Desinfektion, Energie- und Lüftungsfragen, Betriebssicherheit – verlangten technisches Verständnis, das über Verwaltungsroutine hinausgeht.
Besonders anschaulich tritt Samtleben durch mehrere überlieferte Fotografien hervor, die nicht nur illustrativ sind, sondern als Quellen zur Orts- und Zeitverankerung dienen. Eine Atelieraufnahme entstand in Hamburg-Altona im „Atelier für moderne Fotographie“ von Hugo Schlünsen, Waterloostraße 6, mit dem Zusatz „Atelier im Garten“; auf der Rückseite ist sie beschriftet „Carl Samtleben mit Tochter Ruth“. Eine weitere Aufnahme stammt aus Kiel: Rückseitig findet sich der Aufdruck „Billström, Kiel, Vorstadt 9, Atelier im Garten, Fernsprecher No 431“, zusätzlich ein unleserlicher Stempelrest, bei dem die Zahl „43“ deutlich erkennbar ist und plausibel zur späteren Adresse Holstenstraße 43 passt – ein Befund, der stark für eine Übergangs- bzw. Aktualisierungsphase im Atelierbetrieb spricht. Ein weiteres Foto ist zeitlich besonders gut fixiert: Auf der Rückseite ist es mit dem Datum 26.07.1932 beschriftet; es zeigt Samtleben in späteren Jahren mit einem Säugling im Arm. Zusammen erzeugen diese Bilder einen lebensgeschichtlichen Spannungsbogen vom frühen Familienbild bis zur späten Lebensphase und verbinden den Funktionsmenschen mit dem Privaten.
Der Rückblick von 1938 markiert zugleich einen Einschnitt für Verein und Zeitschrift – und damit auch für Samtlebens fachöffentlichen Wirkungsrahmen. Samtleben beschreibt die Vereinsarbeit als anspruchsvoll, betont aber, dass der Verein über Jahresversammlungen, das Fachblatt, den technischen Ausschuss und Werbeschriften substanziell zur Förderung betriebssicherer und wirtschaftlicher Badebetriebe sowie zu zweckmäßiger Einrichtung von Badeanstalten beigetragen habe. Entscheidend ist dann der Übergangssatz: Er hält ausdrücklich fest, dass der „Verein Deutscher Badefachmänner“ von der Bühne abtrete und die bisher geleistete Arbeit nunmehr der „Deutschen Gesellschaft für Volksbäder“ überlassen werde – verbunden mit dem Wunsch, dass diese Arbeit in seinem Sinne fortgeführt werde.
In derselben Ausgabe sind zudem ministerielle Anordnungen abgedruckt, die den zeitgeschichtlichen Rahmen starker staatlicher Steuerung dokumentieren.
Carl Samtleben verstarb am 6. Februar 1946 in Berlin – in seiner Dienstwohnung im Stadtbad Neu-Kölln. Nach seinem Tod zog seine Ehefrau zur Verwandtschaft nach Hamburg. Insgesamt ergibt sich das Bild eines Mannes, der aus einem norddeutschen Berufsumfeld heraus nach Berlin geholt wurde, um ein Großprojekt kommunaler Hygieneinfrastruktur in Betrieb zu überführen; der seine Betriebserfahrungen so weit ausbaute, dass sie in die Planung anderer Bäder – besonders über Besucherzahlen und Ausstattungsfragen – einflossen; der zugleich als Familienmensch greifbar bleibt und dessen Lebensumstände das historische Berufsbild des Badleiters plastisch machen. Und nicht zuletzt eines Mannes, der 1938 als Schriftleiter und Vereinsleiter selbst das Ende des Vereins dokumentiert und damit einen Quellenstein hinterlässt, der die institutionelle Zäsur jener Zeit aus der Innenperspektive festhält.