Stadtbad Lichtenberg

Hygiene und Baukunst: Warum wir am 21. Dezember an Lassar und Isenbeck erinnern

Der 21. Dezember ist für die Geschichte öffentlicher Bäder in Berlin ein bemerkenswertes Datum. Am 21. Dezember 2025 jährte sich der Todestag des Bildhauers Ludwig Isenbeck zum 67. Mal. Zufälligerweise fällt derselbe Kalendertag auch auf den Todestag von Oskar Lassar, bereits am 21.12.1907 also vor 118 Jahren.

Dieses Zusammentreffen bietet einen sehr passenden Anlass, den Blick auf zwei Persönlichkeiten zu richten, die – auf ganz unterschiedliche Weise – mit dem Stadtbad Lichtenberg verbunden sind: der eine als Impulsgeber einer Hygiene- und Volksbäderbewegung, der andere als Künstler, der dem Bau seine ikonische, bis heute wiedererkennbare Gestalt verliehen hat.
Wer heute vor dem Stadtbad steht, erkennt sofort, dass es sich nicht nur um eine funktionale Badeanstalt handelt, sondern um ein Gebäude mit Anspruch: öffentliche Daseinsvorsorge, städtische Repräsentation und gestalterisches Programm greifen ineinander. Genau hier liegt der gemeinsame Nenner von Lassar und Isenbeck. Oskar Lassar steht für den medizinisch-sozialen Gedanken, dass Hygiene nicht Privileg weniger, sondern Grundlage öffentlicher Gesundheit sein muss. In den historischen Darstellungen zur Entwicklung des Berliner Badewesens wird hervorgehoben, dass Lassar einfache, kostengünstig zu errichtende Brausebäder bevorzugte, um breiten Bevölkerungsschichten regelmäßiges Baden überhaupt zu ermöglichen. In diesem Geist wurden in Berlin – gestützt durch Verträge, kommunale Unterstützung und die organisatorische Arbeit des Volksbäderwesens – Strukturen geschaffen, aus denen später die große kommunale Bäderlandschaft erwuchs. Damit ist Lassar nicht „der Erbauer“ des Stadtbads Lichtenberg, aber er gehört zu den prägenden Figuren jener Entwicklung, die solche Anlagen überhaupt erst gesellschaftlich und politisch plausibel machte: Hygiene als Gemeingut, Körperpflege als Teil der Gesundheitsförderung, öffentliche Bäder als Infrastruktur der Stadt.

Auf unserer Website ist dieser Aspekt bereits ausführlich aufgearbeitet worden.

Der zweite Teil dieser Widmung führt direkt an die Fassade des Stadtbads: Ludwig Isenbeck ist einer jener Künstler, die dem Gebäude seinen unverwechselbaren Ausdruck gegeben haben. Sein Werk am Stadtbad ist nicht beiläufiger Dekor, sondern gewissermaßen das „Gesicht“ des Hauses. Die von ihm entworfene startende Wasserspringerin wurde bewusst vierfach an der Fassade platziert – als Zeichen, das den Badebetrieb signalisiert und zugleich einen Aufbruchsgedanken der Zeit visualisieren sollte.
Besonders überzeugend ist dabei die expressionistische Formensprache: kantige Linien, gespannte Dynamik, der Verzicht auf gefällige Naturalistik. Diese Figur ist nicht nur Schmuck, sondern ein Statement über Modernität, Körperkultur und Bewegung – Themen, die im Selbstverständnis öffentlicher Bäder der 1920er Jahre eine zentrale Rolle spielten.
Dass Isenbecks Beitrag zugleich handwerklich und materialtechnisch eng mit der kommunalen Realität verknüpft ist, passt wiederum erstaunlich gut zum sozialen Grundgedanken Lassars: Das Stadtbad sollte nicht in erster Linie Luxus verkörpern, sondern mit wirtschaftlich vertretbaren Mitteln Wirkung entfalten. In der Darstellung zum Stadtbad wird beschrieben, dass die Wasserspringerinnen nicht aus Naturstein gefertigt wurden, sondern als eine Art Waschbeton/Kunstsandstein gegossen – mit Zuschlagstoffen so gewählt, dass der Eindruck von Sandstein entsteht, und aus Kostengründen explizit ohne echten Sandstein. Hergestellt wurden die Figuren im Betonwerk Gebr. Friesecke in Berlin-Britz; zugleich werden die witterungsbedingten Schäden (Auswaschungen, Rissbildung) als typische Folge des Alters und der Bewitterung benannt.
Damit wird Isenbecks Kunst am Bau auch zu einem sehr konkreten Denkmalthema: Gestalt, Material, Alterung und Erhaltungsstrategie lassen sich am Objekt unmittelbar ablesen.
So treffen sich an einem Datum zwei Biografien, die man auf den ersten Blick kaum zusammenbringen würde: hier der Dermatologe und Hygiene-Reformer, dort der Bauplastiker. Und doch bildet das Stadtbad Lichtenberg eine gemeinsame Klammer. Lassars Gedanke, Hygiene in die Breite der Stadtgesellschaft zu tragen, ist Teil jener historischen Bewegung, aus der kommunale Bäder als Gesundheits- und Sozialinfrastruktur hervorgingen. Isenbeck wiederum übersetzt den städtischen Anspruch eines solchen Hauses in eine Bildsprache, die bis heute wirkt: sichtbar, verständlich, stadträumlich präsent.
Diesen Beitrag möchten Sie daher zu Recht als doppelte Erinnerung verstanden wissen: als Hinweis auf die soziale Idee hinter dem öffentlichen Baden – und als Würdigung des künstlerischen Ausdrucks, der ein solches Gebäude zu mehr macht als einer reinen Zweckarchitektur. Wer sich am Stadtbad Lichtenberg mit den Wasserspringerinnen beschäftigt, blickt nicht nur auf Bildhauerei, sondern auf ein Stück Stadtgeschichte, in dem Hygiene, Gemeinsinn, Baukunst und Materialkultur zusammenfinden. Und wer sich an Oskar Lassar erinnert, erkennt im Stadtbad nicht nur ein schönes Relikt, sondern die bauliche Konsequenz eines gesundheitspolitischen Programms, das Berlin und viele andere Städte nachhaltig geprägt hat.

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